Astrid im Shop
AMOUR FOU

„Die Wäsche macht etwas mit dir“

Was die Wäsche macht und wie die Wäsche das anstellt, hat uns Astrid Bleier, die Gründerin von Amour-fou bei einem Gespräch in ihrem Dessous-Shop in der Wiener Barnabitengasse verraten.
Astrid, Erzähl mal die Geschichte von AMOUR FOU, wie kam es dazu, dass du ein Dessous-Geschäft eröffnet hast?

Ich hatte bis dahin eigentlich kaum BHs getragen. Und wenn doch, dann zog ich die Wäsche abends sofort aus, um mir etwas Gemütliches anzuziehen. Mein Erweckungserlebnis hatte ich mit Mitte 30. In Berlin, wo ich anderthalb Jahre gelebt habe: Eine Freundin nahm mich mit zu Blush Berlin, dem damals besten Dessous-Laden der Stadt. Dort kaufte ich mir das erste Set meines Lebens. Zunächst dachte ich: Das werde ich nur zu besonderen Anlässen tragen. Doch ich trug das Set jeden Tag, es war nicht nur schön, sondern auch irre bequem.

Und als du dann zurück nach Wien gegangen bist …

… wurde mir bewusst: Hier gibt es kein vergleichbares Wäschegeschäft. Bloß große Ketten, aber nichts, wo ich reingehen würde. So habe ich eben meinen eigenen Laden eröffnet. Jenen Laden, den ich mir selbst als Kundin gewünscht hätte.

In deinem Geschäft hängen viele Modelle, schlichte, bunte, extravagante – hast du ein Lieblingsstück?

Nein, ich mag sie alle. Eigentlich habe ich nur Lieblingsstücke in meinem Geschäft. Ich probiere auch alle an. Und wenn das Modell für eine andere Busenform oder in einer anderen Größe geschnitten ist, dann übernehmen das meine Mitarbeiterinnen. Wir testen alles.

Was ist deine Philosophie?

Es muss Wäsche sein, die gleichzeitig schön und bequem ist. Wäsche, in der man sich wohl fühlt. Schalen-BHs, die den Busen in eine normierte Form zwingen, gibt es bei mir nicht. Die Modelle sind alle von Frauen für Frauen gemacht. Ich kenne auch die Designerinnen persönlich – allesamt reflektierte Frauen, die sich Gedanken machen über Umweltfragen und Geschlechterbilder. Damit ich ein Label in mein Sortiment aufnehme, müssen drei Voraussetzungen erfüllt sein: Der Stoff muss langlebig sein, die Wäsche sollte nachhaltig oder lokal produziert worden sein und die Näherinnen müssen gerecht entlohnt werden.

Astrid, als ich das erste Mal dein Geschäft betreten habe und diese goldene Kuppel sah, kam mir der Gedanke:
Das ist die Atmosphäre einer Kapelle.

So empfinde ich das auch manchmal. Früher dachte ich, dass der Raum tatsächlich eine Kapelle war. Aber das stimmt vermutlich nicht.

Shop mit Kuppel und Luster
Astrid Bleier,
die Gründerin von Amour-fou in ihrem Shop in der Barnabitengasse 14.
Die Atmosphäre des Shops ist einzigartig. Manche fühlen sich hier wie in einer Kapelle.
Wozu diente der Raum, bevor du ihn übernommen hast?

In den 50er Jahren war darin schon einmal ein Wäschegeschäft. Für die Frau von Welt, mit La Perla und anderen Marken. Was es davor war, konnte ich leider nicht herausfinden. Ich war im Bezirksarchiv und habe mich auch bei der Kirche erkundigt, aber es waren keine Unterlagen zu finden. Sicher ist, dass der Raum ursprünglich Teil des Barnabiten-Klosters war. Ein katholischer Männerorden.

Ein Ort der Einkehr.

Das ist der Raum noch immer. Und ein Ort der Sinnlichkeit.

Du bist mit AMOUR FOU auf Instagram sehr aktiv. Das ist eine ganz andere Art von Werbung, als man es von internationalen Ketten gewohnt ist. Humorvoll, ohne Photoshop, mit Bildern aus dem echten Leben. Du bist quasi dein eigenes Model.

Nicht nur ich, auch meine Mitarbeiterinnen und Freundinnen. Das war kein ausgeklügelter Marketingplan, es hat sich so ergeben.

Es wirkt jedenfalls sehr authentisch.

Wir wollen die Wäsche im Alltag zeigen. So, wie sie an den unterschiedlichsten Frauenkörpern wirklich aussieht. Letztlich wollen wir wegkommen von diesen idealisierten Darstellungen – und hin zu einer realistischen Wahrnehmung.

Sport-Unterwäsche hast du auch?

Ich führe Sport-BHs von Körbchen. Die Tops von Base Range funktionieren auch gut beim Sport. Und die Bikini-Oberteile von Rendl sind ebenfalls als Sport-Tops geeignet. Die Grenzen verschwimmen oft: La fille d’O macht zum Beispiel Wäsche, die man auch als Bademode tragen kann.

Apropos: Du hast mir letzte Woche Bilder von einem goldfarbigen Bikini gezeigt, der war großartig – welche Marke ist das und wann gibt es den zu kaufen?

Der ist von Yasmine Eslami und kommt im Frühjahr 2021 raus. Ich mag den Bikini auch gerne, sehr gerne sogar, für mich ist das Seventies, James Bond und alles, was da noch mitschwingt an Popkultur aus dieser Zeit. Yasmine hat in Frankreich die Modeschule absolviert und zehn Jahre mit Vivienne Westwood zusammengearbeitet. Eine tolle Frau. Jetzt hat sie in Paris einen eigenen Shop. Sie lässt ihre Mode in Portugal nähen.

Welche Rolle spielt der männliche Blick?

Ich denke, meine Kundinnen kaufen die Wäsche vor allem für sich selbst. Und wenn sie sich darin wohl fühlen, haben sie eine gewisse Ausstrahlung. Natürlich auch für Männer.

Aber sexy soll die Wäsche schon sein.

Das ist sie auch. Wobei meine Kundinnen und Kunden recht unterschiedliche Vorstellungen von Sexyness haben. Manche finden die cleanen Modelle von Yasmine Eslami besonders sexy, andere die romantischen Dessous von Körbchen. Kürzlich hatte ich eine Kundin, die sagte zu mir: „Ich suche sexy Wäsche.“ Nachdem ich ihr alles gezeigt hatte, entschied sie sich für einen schwarzen Baumwoll-BH. Auch das kann erotisch sein.

Hast du auch Unterwäsche für Männer?

Natürlich, ich führe ein schwedisches Label, CDLP. Die machen Boxershorts aus Lyocell. Und Unisex-Badehosen von Rendl und Margaret & Hermione habe ich auch. Es gibt auch Männer, die gerne Frauenunterwäsche tragen, so eng ist das nicht.

Da passen die Größen?

Mittlerweile haben wir aufgestockt, damit wir diese Nachfrage bedienen können. Man braucht natürlich größere Unterbrustweiten und kleinere Cups. Und vor allem muss man es schaffen, dass sich die Männer beim Anprobieren wohl fühlen. Das ist uns gelungen, es ist recht zwanglos.

So gesehen ist das, was du hier tust, auch ein Projekt der Befreiung – für Männer wie für Frauen.

Letzthin hatte ich ein schönes Erlebnis mit einer Kundin, die nach ihrer Babypause zu mir ins Geschäft kam. Ich werfe ja immer wieder mal einen Blick in die Kabine, um zu sehen, wie die Wäsche passt: Als sie das richtige Modell gefunden hatte, war plötzlich ihre Körperhaltung verändert. Sie hatte eine besondere Ausstrahlung, fast wie Super-Woman. Es ist schön zu sehen, wie bestärkend und sinnlich Wäsche wirken kann, wenn man sich darin wohl fühlt. Sie macht etwas mit dir.

INTERVIEW: JOY CHAPEL